Multiple Sklerose,  Thoughts

Angst bei Multipler Sklerose

Angst ist bei MS oft ein großes Thema. Eigentlich haben MS-Betroffene ständig einen Grund, um Angst zu haben.

Vor der Zukunft: Werde ich überhaupt arbeiten können? Wenn ja, welcher Beruf ist der richtige?

Vor dem nächsten Schub: Wird es DER Schub sein? Der, der mich in den Rollstuhl bringt? Werden sich die Symptome zurückbilden oder bleibt etwas da?

Vor dem nächsten Kontroll-MRT: Sind neue Herde dazu gekommen? Wirkt meine Therapie? Wenn nein, was dann?

Und manchmal sogar vor dem nächsten Tag oder sogar der nächsten Stunde, denn in dieser Zeit kann viel passieren.

Warum ich dir das alles erzähle? Leider aus gegebenem Anlass. Und so sitze ich nun Freitag nachts um vier Uhr da, kann nicht schlafen und schreibe diesen Artikel.

Letzten Dienstag stand ich morgens auf und fühlte mich gut. Also startete mein Tag ganz normal mit meinem Frühstück. Anschließend setzte ich mich an meinen Schreibtisch, um zu lernen. Nach zwei Stunden wollte ich mir einen Tee aus der Küche holen – und stellte fest: Ich habe Beton an meinen Füßen hängen. Jeder Schritt war unheimlich anstrengend, obwohl ich kaum vorwärts kam. Shit. Da ich erstmal hoffnungsvoll davon ausging, dass ich einfach nur zu lange gesessen hatte (schließlich kann man ja nicht alles auf die MS schieben), machte ich mir anfangs keine großen Gedanken darum. Doch mit jeder Stunde, die ohne Besserung verging, schwand diese Hoffnung mehr und mehr. Als ich am nächsten Tag nach einem Termin in der Stadt feststellen musste, dass meine Gehstrecke wohl auf weniger als 500 Meter zusammengeschrumpft war, fing das Gedankenkarussell dann endgültig an, sich zu drehen.

Ist es ein neuer Schub?

Wird es wieder besser werden oder brauche ich in Zukunft für weitere Strecken einen Rollstuhl? Wie soll das alles werden?

Soll ich meinen Neurologen anrufen oder noch warten, bis das Wochenende rum ist?

Da es nun mittlerweile Freitag war und vor Montag ohnehin nichts passieren würde, entschied ich mich dazu, zu warten. Ich weigerte mich zu akzeptieren, dass ich aller Wahrscheinlichkeit einen neuen Schub hatte – schon wieder. Ich hatte keine Lust auf das vierte Mal Cortison dieses Jahr.

Ich fing an, mich zu informieren. Über Rollstühle, Medikamente, Reha, Gehstrecke und gefühlt alles andere, was es darüber zu lesen gab. Informationen haben mir schon immer das Gefühl gegeben, die Lage im Griff zu haben. Das ist wirklich wichtig, wenn du deine Lage (zumindest die körperliche) eigentlich garnicht beeinflussen kannst. Diese ganzen Informationen nahmen mir einen großen Teil meiner Angst, wenn auch nicht alles. Man kann heute auch im Rollstuhl ein selbstbestimmtes Leben führen.

Ich begriff, dass die Welt nicht stehen bleibt und ich auch weiter machen musste. Auch, wenn vieles länger dauert bin ich froh, dass es noch geht. Ich ging in meinem Fitnessstudio aufs Laufband und brachte dort niederschmetternde 270 Meter mit einer Maximalgeschwindigkeit von 1,1 km/h zustande. Obwohl mir das immer noch sehr zu knabbern gibt, freue ich mich mittlerweile auch, dass das überhaupt noch geht.

Ich selbst entscheide, ob das Glas halb voll oder halb leer ist. Und das kannst du auch.

Ich jedenfalls habe mich für die halb-voll-Variante entschieden, auch wenn ich meine Angst dadurch nicht aus meinem Kopf streichen kann. Ich weiß nicht, wie die nächsten Tage werden oder wie die Geschichte weiter gehen wird. Aber genau das ist MS: Das einzige, was sicher ist, ist die Ungewissheit.

Es ist okay, Angst zu haben. Du darfst nur nicht zulassen, dass diese Angst dich lähmt.

Welche Ängste hast du kennen gelernt und wie gehst du damit um?

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