Multiple Sklerose,  Thoughts

Schreckgespenst Rollstuhl?

Nachdem meine Beine Mitte November plötzlich meinten, am Boden kleben zu müssen, standen für mich nach dem MRT bei meinem Neurologen erst mal ein paar Tage Krankenhaus auf dem Programm. Nein, es hat natürlich nicht gereicht, dass ich 5x1g Cortison bekommen sollte. Mein Neurologe war auch noch der Ansicht, Gilenya würde bei mir nicht ausreichend wirken und ich solle doch deswegen auf Tysabri oder Ocrevus umgestellt werden.

Also, ich ins Krankenhaus und es passierte bis auf das Cortison: nichts. Die Ärzte brauchten ewig, um in die Gänge zu kommen und so war ich bei meiner Entlassung genau so weit wie vorher. Zumindest, was mein Medikament betrifft. Gelaufen bin ich nämlich tatsächlich schlechter wie vorher, nachdem ich nun als Folge des Schubes anscheinend eine Streckspastik in meinem rechten Bein hatte und es deswegen nicht mehr ausstrecken konnte. Das Ende vom Lied war nun: Ich lief ins Krankenhaus und kam im Rollstuhl wieder raus.

Im letzten Jahr habe ich vor allem eins gelernt: Du musst die Dinge bei Ärzten manchmal einfach selbst in die Hand nehmen. Das bekam ich nochmal bestätigt, als man mir bei der Frage nach einem Rollstuhl sagte, das wäre bei mir noch garnicht indiziert. Ich konnte ja nur weder mein Bein ausstrecken noch darauf treten, weil ich durch den Krampf höllische Schmerzen hatte. Kein Ding, das scheint ja nicht so schlimm zu sein. Am Tag nach meiner Entlassung habe ich mich dann selbst darum gekümmert.

Jetzt fragst du dich vielleicht: Warum sollte jemand um einen Rollstuhl kämpfen? Da drin zu sitzen ist doch meine größte Angst.

Für mich hat dieses Hilfsmittel in diesem Moment aber nur eins bedeutet: Freiheit. Die Freiheit, etwas zu unternehmen. Mir selbst eine Tasse Tee machen zu können. Sich in der Wohnung bewegen können und nicht mehr hilflos herumsitzen zu müssen. Letztendlich ist es doch nur ein Ersatz für die Beine, wenn diese nicht mehr wollen.

Ich hatte mich vorab schon sehr viel damit auseinander gesetzt und habe dabei vor allem aus Erfahrungsberichten und anderen Blogs eins gelernt: Mit dem Rollstuhl ist das Leben keinesfalls vorbei. Man kann noch fast alles machen, was auch ohne Rollstuhl ginge. Zwar nicht alles, aber es ist trotzdem sehr vieles möglich. Und auch das hat mich beruhigt.

Der Rollstuhl hat mich also nicht sonderlich aus der Bahn geworfen. Ich habe versucht, so weit es geht wie vorher weiter zu machen und dort, wo das nicht ging, neue Alternativen zu finden.

Ein Rollstuhl ist definitiv nicht das Ende der Welt. Er ist eine Chance. Die Chance, dein Leben weiter leben zu können, wenn deine Beine keine Lust mehr haben.

Für mich war er allerdings auch ein Ansporn, wieder laufen zu lernen und der Spastik den Kampf anzusagen. Ich bekam Physiotherapie, die mir sehr geholfen hat, und stand das erste Mal wieder an einem Geländer. Ein paar Tage später kamen die ersten Schritte mit Rollator. Mittlerweile kann ich mich in meiner Wohnung meistens ganz ohne Hilfsmittel bewegen. Meinen Rollstuhl benutze ich fast nur noch für längere Strecken (wobei länger dabei relativ ist; alles was über einkaufen hinaus geht, ist noch schwierig).

Natürlich gibt es auch Tage, an denen irgendwie nichts funktioniert. An denen ich wirklich schlecht laufen kann und dann selbst in der Wohnung herumrolle. Oft habe ich mich am Tag vorher gnadenlos überanstrengt, die Rechnung dafür bekomme ich meistens direkt am nächsten Tag. Wenn ich den Absatz vorher selbst lese, kommt mir der Gedanke: Das klingt ja eigentlich ziemlich einfach. Da muss ich dich leider enttäuschen. Es war sau anstrengend und ich habe nicht nur einmal einen Tritt in den Allerwertesten gebraucht. Es kam mir nicht über Nacht zugeflogen und es war und ist auch nicht immer angenehm.

Was ich dir damit aber aufzeigen möchte: Einmal Rollstuhl bedeutet eben nicht bei jedem für immer Rollstuhl.

Was hast du für Erfahrungen damit gemacht? Hast du selbst oder jemand, den du kennst, es schon mal geschafft, aus dem Rollstuhl rauszukommen?

 

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2 Kommentare

  • Brigitte Müller

    Du sprichst mir aus der Seele! Auch für mich bedeutet der Rollstuhl nicht zwangsläufig das Ende. Sondern ich seh ihn als meinen Helfer an. Durch ihn kann ich weitere Strecken bewältigen, an Spaziergängen teilnehmen ……. und noch viel mehr.

    Mittlerweile brauch ich im Haus auch einen Rollator. Treppen steigen ist problematisch.
    Aber ich laß mich nicht unterkriegen.
    Für dich alles Gute, nicht aufgeben!

    • anna

      Hallo Brigitte,
      Vielen Dank für deinen Kommentar! Du hast absolut recht, man darf sich definitiv nicht unterkriegen lassen. Für dich auch alles Gute 🙂
      Liebe Grüße, Anna

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